11 Dezember 2009 - Ein Beitrag von Juan Yanez-Mejias
José Dias fräst, feilt, poliert, baut und restauriert Akkordeons.
In seine Werkstatt behandelt der Dortmunder die Schätzchen von Orchestern, Profis, Musikvereine, und Privatleuten.
Aus ganz Europa werden Instrumente zum Reparieren gebracht.
Der Akkordeon-Doktor - MEDIATHEK - WDR.de
___________________________________________________________________________________________________
24 November 2009 - Ein Beitrag von Dirk Berger
Jose Dias restauriert Akkordeons: 16000 Einzelteile ergeben einen Ton
Instrumente, schon wenn sie zusammenstehen, haben etwas Familiäres. Gitarren wirken immer interessiert, Contra-Bässe zurückgenommen, Trompeten dünnhäutig, und Schlagzeuge sind die Rabauken.
In Jose´ Dias Werkstatt stehen Akkordeons zusammen, und wenn man sie sieht, weiß man, ihr Zug ist der der Melancholie. Ihre Fröhlichkeit ist deshalb noch längst nicht aufgesetzt. Vor allem nicht, wenn sich Dias um sie kümmert. Er baut, restauriert, spielt sie. Er respektiert sie.
Wenn etwas nicht mehr schön aussieht, kann es vieles erzählen. Das „Maugein Freres” ist 60 Jahre alt. „Es gehört Antonio”, sagt Jose´, ein Bekannter von ihm. „Er hat damit 35 Jahre seine Familie ernährt.” Hochzeiten, Dorffeste, Tag für Tag mit einer alten Vespa Portugal durchstreift, der Trauer und der Lebensfreude gedient.
Onkel Leonel hat's ihm beigebracht
Mattgespielt hat es den Weg in die Werkstatt Dias' gefunden. Der Kartonbalg fasert auf, es zieht und drückt die Luft asthmatisch, das Celluloid ist blindgegriffen und angekratzt, die Restauration wird einige Zeit benötigen. „Ende Juni 2010 soll es fertig sein.” Antonio ist alt und krank, er muss das Akkordeon in Ordnung bringen lassen, das ist er seiner „Maugein” schuldig. Mit ihr geht es, mit ihm nicht mehr so gut.
Jose´ ist Bohrwerkdreher (CNC-Fräser). Seit 31 Jahren lebt der 43-Jährige in Deutschland. Die Jahre davor prägten ihn so nachdrücklich, dass er heute seine technischen Fähigkeiten und sein Pläsier fürs Akkordeon zusammenbringen kann. Onkel Leonel trägt Schuld daran. „Er hat mich in seine Werkstatt mitgenommen, er hat es mir beigebracht.” Zuhause in Ferreira do Zezere und Alcobaça am Atlantik. Leonel Rocha hat mehrere Jahre in Italien bei „Fratelli Crosio” Akkordeons gebaut, er kannte sich aus. Da klingen schon die Namen: Im Regal steht ein wunderschönes „Scandalli” aus dem Jahre 1942. Dort ein „Coope´ Armoniche”, ein „Super Carini”, ein „Luccini King Polka”, ein „Hohner”.
„Ein Leben reicht nicht, um das zu bauen”
Jose arbeitet für Privatleute, er wartet die Instrumente für Orchester. Es sind welche darunter, die über 40 000 Euro kosten. Eine Triangel ist EIN Teil nebst Klöppel, ein Akkordeon besteht aus bis zu 16 000 Einzelteilen. Man kann sich damit auskennen. Und wenn man es so tut wie Jose´, dann kann man es auch spielen.
„Ich bin aber eher der Handwerker, als der Musiker”, sagt er. Er kann ein Jahrzehnte altes Akkordeon derartig auseinandernehmen, dass es in drei Staubsaugertüten passt und wieder so zusammenzusetzen, dass es klingt - das ist sein Stolz.
Er sägt Bleche aus Alu, gibt ihnen Muster, biegt sie in die Außenform, er weicht Celluloid 16 Stunden in ein Aceton/Wasser-Gemisch ein und hat zehn Minuten Zeit, um es ums Blech zu legen, dass es anzieht und dem Korpus seinen manchmal kirmeskreischenden, manchmal edlen Schimmer gibt. Er fräst, feilt, poliert, baut Strasssteine ein. Setzt Bohrungen im Winkel, unterfüttert mit Lederzungen, biegt Messing - und am Ende steht immer der Ton. Italiener sagen dazu: „Non basta una vita solo” - ein Leben reicht nicht, um das zu bauen.
An der Wand in Jose´s Werkstatt hängt ein Foto, das alles sagt. Es zeigt Sirico Orlandoni. Er ist 100 Jahre alt. Er spielt Akkordeon. Man sieht, dass er keinen Zahn mehr im Mund trägt. Warum? Weil er lacht.
